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Abendmahl in München

Abt Johannes Eckert und Gastronom Michael Käfer im Interview

Sehen Sie hier einen Ausschnitt des gesamten Interviews (22:04 min)

Abt Johannes, wann haben Sie das letzte Mal in einem Sterne-Restaurant diniert?
Abt Johannes:
Vielleicht vorigen Freitag. Ich hatte Firmung und war zum Essen eingeladen. Ob das Restaurant allerdings Sterne hatte, kann ich Ihnen nicht sagen. Das war für mich auch völlig zweitrangig.
Und Sie, Herr Käfer, wann haben Sie das letzte Mal gebetet?
Michael Käfer:
Das ist ungefähr sechs Wochen her. Meine Frau ist sehr religiös. Es ist für sie ein wichtiges Ritual, am Sonntag in die Kirche zu gehen. Manchmal begleite ich sie dabei.

Womit wir beim Thema wären. Wir wollen mit Ihnen über Essen und Religion reden. Was bedeutet das Abendmahl für Sie ganz persönlich, Abt Johannes?
Abt Johannes:
In allen Religionen und auch im Christentum gibt es das Motiv des gemeinsamen Mahls. Es geht um die Gemeinschaft. Abraham bewirtet Fremde und erfährt so die Nähe Gottes. Das Abendmahl bringt dieses Ritual in besonderem Maße zum Ausdruck. Als Jesus mit seinen Freunden vor seinem Tod das letzte Mal feiert, sagt er: Immer wenn ihr in meinem Gedenken zusammen seid, dann bin ich bei euch. Dann bin ich mit meinem Leib und Blut, also im Brot und Wein, bei euch gegenwärtig. Dann erfahrt ihr Gemeinschaft mit mir. Wenn wir das Abendmahl in seiner ritualisierten Form der Eucharistiefeier zelebrieren, glauben wir also, dass wir die Nähe Jesu erfahren.
Michael Käfer: Als Gastronom komme ich natürlich von einer anderen Seite. Das Abendmahl ist in unserem Geschäft zunächst einmal ein wirtschaftlicher Faktor. Aber auch unsere Aufgabe besteht darin, die Menschen glücklich zu machen. Wenn sie das Lokal verlassen und sagen, wir hatten ein paar wunderbare Stunden, dann haben wir alles richtig gemacht. Dann haben wir neben einem guten Essen eben auch Gemeinschaft gestiftet.

Also betreibt Herr Käfer ein gottesfürchtiges Geschäft, Abt Johannes?
Abt Johannes:
Ich glaube schon.
Michael Käfer: Herzlichen Dank.
Abt Johannes: Nein wirklich, ich glaube, das stimmt.
Als Abt stehen Sie nicht nur St. Bonifaz vor, sondern auch dem Kloster Andechs. Neben der Kirche ein ziemlich großer Gastronomiebetrieb und eine Brauerei mit einem Ausstoß von 100.000 Hektolitern jährlich …
Abt Johannes:
(lacht) ... mittlerweile sogar ein bisschen mehr, aber das passt schon.

Wem dienen Sie in Andechs? Ihrem Gott oder dem Geld?
Abt Johannes:
In unserer Regel heißt es, dass die Gastfreundschaft heilig ist und die Gäste wie Christus aufgenommen werden sollen. Ich denke, es ist auch nichts Anrüchiges daran, dass die Geschäfte in Andechs dazu führen, dass es beiden Klöstern gutgeht und wir hier in St. Bonifaz beispielsweise jeden Tag 150 bis 200 Obdachlosen eine warme Mahlzeit anbieten können. Wir erhalten keine Kirchensteuer, und das muss ja irgendwie finanziert werden. Unser Ordensgründer, der Heilige Benedikt, sagt, wir sollen von unserer Hände Arbeit leben, also erwirtschaften, was wir brauchen. Man kann nicht davon leben, nur in den Himmel zu schauen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Früher haben wir in Andechs von der Landwirtschaft gelebt, heute von der Brauerei und der Gastronomie. Aber die Halbe kostet bei uns im Bräustüberl deutlich weniger als in so manchem Wirtshaus in München. Das hängt im Übrigen ebenfalls mit unseren Ordensregeln zusammen. Der Heilige Benedikt schreibt, man soll alles immer etwas günstiger abgeben, damit man am Ende nicht habgierig wird.

Geistreich: der Abt und der Spitzengastronom im Klostergarten (Foto: Robert Brembeck)

Herr Käfer, wie sind Sie von Ihren Eltern bei Tisch erzogen worden?
Michael Käfer:
Ich hatte eine sehr strenge Mutter, dankenswerterweise. Und die hat mich dahingehend erzogen, dass am Tisch bestimmte Regeln gelten. Gerade geht es andersrum. Ich habe kleine Zwillinge. Die sind jetzt sechs. Und ich gebe ihnen weiter, was mir meine Mutter an Tischmanieren beigebracht hat.
Also gerade sitzen, nicht schmatzen und so weiter?
Michael Käfer:
Ja, die Hände auf die Kante, das berühmte Thema. Wie man das Besteck richtig hinlegt, wie man ein Glas in die Hand nimmt und all diese Sachen. Das sind Rituale, die ich schön finde. Und deshalb finde ich es auch wunderbar, dass wir unsere kleine Brotzeit hier mit einer Stoffserviette genießen.

Gab es bei Ihnen zu Hause jeden Tag Feinkost?
Michael Käfer:
Es ist ja oft so, dass man die Dinge, die man als selbstverständlich erachtet, nicht in jeder Situation haben will. Natürlich gab es bei uns Delikatessen. Aber am liebsten waren mir die Spätzle von der schwäbischen Großmutter, die Kartoffelknödel und die Schinkennudeln. Das ist eigentlich bis heute so geblieben. Einmal im Jahr gibt es bei uns zu Hause einen Hummer, und zwar immer am 25. Dezember in der Früh zum Frühstück. Wenn ich den öfters essen würde, könnte der mir gar nicht mehr so gut schmecken wie an diesem einen Tag.

Die Jahreszeiten spielen beim Essen heute kaum noch eine Rolle. Erdbeeren genießen wir auch mitten im Winter. Ist das eigentlich im Sinne der Schöpfung, Abt Johannes?
Abt Johannes:
Ich denke, dass es sinnvoll ist zu essen, was die Jahreszeiten gerade hergeben. Deshalb gibt es zu unserer Brotzeit heute auch keine Radieserl, weil die momentan noch nicht bei uns wachsen. Aber das andere Thema finde ich noch interessanter. Genießen lernen. Dazu braucht es auch die Askese. Wenn ich in der Fastenzeit auf Fleisch verzichte, wird mir das Lamm am Osterfest ganz besonders gut schmecken. Ich glaube, das ist eine sehr wichtige Gabe, die wir nicht verlernen sollten. Es ist ja auch ein Abbild der Schöpfung, sich auf das zu freuen, was erst morgen wachsen wird.

Fasten Sie, Herr Käfer?
Michael Käfer:
Ja, aber nicht auf Fastenzeiten bezogen.
Also das berühmte Heilfasten für 500 Euro die Nacht und mit einer wässrigen warmen Suppe zum Abend?
Michael Käfer: (lacht) Das haben Sie gesagt, nicht ich.
Abt Johannes: Das könnten Sie bei uns günstiger haben. (lacht)

Stichwort Business Lunch. Kann man beim Essen eigentlich Geschäfte machen? Oder andersrum gefragt: Kann man beim Geschäftemachen gut essen?
Michael Käfer:
Beim Business gut zu essen ist sehr schwierig, weil man auf etwas anderes konzentriert ist. Trotzdem passt beides irgendwie zusammen. Man lernt sich kennen, kommt sich näher. Und hat neben dem Geschäftlichen auch gleich ein anderes Thema. Das Essen macht die Atmosphäre lockerer. Aber wenn man richtig genießen will, stören die Geschäfte eher.
Sollte man beim Essen schweigen?
Abt Johannes:
Wenn wir hier im Kloster zusammen essen, wird am Tisch vorgelesen. Das ist etwas sehr Schönes, weil man sich nicht nur physisch mit Speisen stärkt, sondern auch geistig.

Michael Käfer: Lesen Sie aus der Bibel vor?
Abt Johannes: Das auch, aber nicht nur. Gerade erst haben wir „Konklave“ von Hubert Wolf gelesen. Demnächst wird eine Biografie über Adenauer folgen. Jeder kann etwas vorschlagen.
Michael Käfer: Und der Vorleser muss im Anschluss alleine essen?
Abt Johannes: Der isst hinterher mit dem Tischdiener. Bei uns bedient immer einer bei Tisch, jede Woche ein anderer Mitbruder. Wir legen sehr großen Wert auf Tischkultur. Im Alten Testament heißt es: Am Ende der Zeiten wird Gott selbst Gastgeber auf dem Zion sein, und er wird dort erlesene Weine und erlesene Speisen reichen. Was wir hier im Kloster tun, ist ein bisschen Abbild dessen und ein Vorgeschmack auf das, was kommt.
Es ist ja auch schön, sich ab und an mal bedienen zu lassen, oder?
Abt Johannes:
Ja, genauso schön wie zu dienen. Die Obdachlosen, die wir hier jeden Tag bewirten, sind sehr dankbar dafür.

Haben Sie selbst schon einmal die Angst in sich gespürt, um einen Teller Suppe betteln zu müssen?
Abt Johannes:
Nicht konkret. Aber wenn man den Lauf der Welt im Ganzen betrachtet, kommt mir schon manchmal der Gedanke, eine letzte Sicherheit habe auch ich nicht.
Michael Käfer: Mir kommen diese Gedanken manchmal, wenn ich an meine Zwillinge denke. Ich wünsche mir dann, dass die Jungs das Glück haben, in genauso guten Zeiten leben zu dürfen, in denen ich mein ganzes Leben verbracht habe. Aber auch als Unternehmer sind mir Existenzängste nicht ganz fremd. Ich bin zwar unheimlich mutig, aber manchmal sage ich mir auch, Mensch, hoffentlich bleibt das alles so gut, wie es ist.

Brotzeit in St. Bonifaz: Abt Johannes und Michael Käfer im Gespräch mit Stefan Schmortte und Stefan Lemle (von links im Uhrzeigersinn) (Foto: Robert Brembeck)

In Ihrem Gewerbe müssen Sie tagtäglich halb aufgegessene Teller abräumen lassen, während die Obdachlosen hier für einen Teller Suppe anstehen. Wie kommen Sie damit zurecht?
Michael Käfer:
Schwierige Frage. Am schlimmsten ist es auf dem Oktoberfest, wenn ich Platten sehe, die halb voll zurückgehen. Da fragen wir uns dann selbst: Mensch, es gibt Leute, die nichts zu essen haben, und hier wird’s weggeschmissen. Das ist die Realität. Aber es ist trotzdem schwer zu ertragen.

Wo endet der Genuss, und wo beginnt die Völlerei?
Abt Johannes:
Auch ein schwieriges Thema. Was für den einen Völlerei ist, muss es für den anderen nicht sein. Der Heilige Benedikt gibt in seinen Regeln nur ungern ein Maß für das Getränk oder die Speisen an, weil er wusste, dass die Menschen ganz unterschiedlich sind. Aber wenn eine Gesellschaft völlig ins Konsumieren abdriftet, liegt darin schon Maßlosigkeit.

Die im Fernsehen mittlerweile inflationär bedient wird. Ein Kochduell jagt das nächste. Herr Käfer, was ist mit den Menschen eigentlich los, dass sie sich stundenlang TV-Programme übers Essen anschauen?
Michael Käfer:
Für die Fernsehschaffenden ist es ganz sicher ein Format, das sich relativ kostengünstig produzieren lässt. Ich selbst komme nur selten zum Fernsehen. Die wenigen Male, die ich mal reingezappt habe, waren aber ganz lustig.
Weil ständig einer in die Pfanne gehauen wird?
Michael Käfer:
Ich glaube, der Erste, der das Kochen ins TV brachte, war Alfred Biolek. Bei dem wurde keiner in die Pfanne gehauen. Da wurde das Ritual zelebriert, Gemüse geschnipselt und geredet. Das ist ja auch etwas extrem Schönes. Mal schauen, was gerade im Topf vor sich hin köchelt, und mal eben probieren. Mir macht das auch Spaß.

Können Sie kochen, Abt Johannes?
Abt Johannes:
Nein, aber es freut mich, wenn ein anderer diese Gabe besitzt. Manchmal kommen Brautpaare zu mir, die mir erzählen, dass sie gerne miteinander kochen. Das finde ich immer ein gutes Zeichen für eine intakte Beziehung. Sich miteinander in der Küche aufhalten, miteinander reden, kochen und essen.

„Wenn einem gar nichts mehr einfällt, dann wird man eben vegan“ – Michael Käfer

Du bist, was du isst. Bei diesem Thema wird es mitunter richtig fundamentalistisch. Es gibt heute Vegetarier, Flexitarier, Rohköstler und Veganer. Haben die alle einen Spleen, Herr Käfer?
Michael Käfer:
Das ist die Individualisierung. Wir Menschen wollen ja immer irgendwie individuell sein. Und wenn einem gar nichts mehr einfällt, dann wird man eben vegan. Tattoos hat ja schon jeder. Vegetarier verstehe ich hundertprozentig. Dass sich jemand dafür entscheidet, nichts zu essen, was Augen hat, und so weiter. Das ist eine ganz klare Lebenseinstellung. Aber vegan verstehe ich nicht. Warum soll der Mensch kein Ei essen dürfen?
Abt Johannes: Oder Meerschweinchen? Ich habe Verwandte in Peru, dort sind Meerschweinchen eine Delikatesse. Es schmeckt auch nicht schlecht. Aber als ich Kaplan war und den Erstkommunionskindern einmal erzählt habe, dass ich in Peru Meerschweinchen gegessen habe, fanden sie das gar nicht toll.

Könnten Sie selbst ein Tier schlachten?
Michael Käfer:
Ganz klares Nein. Ich könnte auch nicht auf ein Tier schießen. Wenn ich um mein Leben kämpfen müsste, dann vielleicht schon. Aber so nicht, auch wenn ich es verkaufe und selbst esse. Eigentlich müsste ich wohl selbst Vegetarier sein.
Abt Johannes: Ich wüsste gar nicht, wie Schlachten geht. Aber das ist natürlich auch ein Zeichen der Entfremdung. Wir alle sind ziemlich weit weggekommen von den natürlichen Vollzügen. Ich habe mal eine überzeugte Veganerin gefragt, was sie denn ihrem großen Hund zu fressen gibt. Da kam sie in schwere Erklärungsnöte.

Und Ihre persönlichen Favoriten beim Essen?
Michael Käfer:
Also ich mag alles, was mit Brot zu tun hat, richtig tollem Brot. Wir haben gerade in Wien einen Bäcker entdeckt, der backt das beste Brot, das ich in meinem Leben gegessen habe. Alles von Hand gemacht und mit den besten Zutaten. Und ganz generell, weil wir hier in Bayern sind, mag ich natürlich Kartoffelknödel. Übrigens irrsinnig schwierig, die richtig gut hinzubekommen.

Hat Bayern die beste Küche in Deutschland?
Michael Käfer:
Ja, aber nur, weil wir nahe an Österreich sind.
Abt Johannes: Für mich ist es gefährlich, mein Lieblingsessen zu verraten, weil ich das dann bei jeder Firmung bekomme. Also nur so unter uns: Ich komme aus dem Badischen. Von daher liebe ich Spätzle, Teigwaren mit Soßen.

„Wenn es ihn denn gibt, dann ist der größte Koch von allen der liebe Gott“ – Abt Johannes

Klar, dass wir Ihnen diese Frage zum Schluss noch stellen müssen. Wer ist denn nun der größte Koch von allen?
Michael Käfer:
Der größte? Die religiöse Antwort lautet natürlich: die Natur.
Abt Johannes: Nein, ich würde eher sagen: Wenn es ihn denn gibt, dann ist der größte Koch von allen der liebe Gott.

Jetzt zum Schluss kommen Sie uns mit Zweifeln, Abt Johannes? Wenn es IHN denn gibt?
Abt Johannes:
Der Zweifel gehört existenziell zum Glauben dazu. Wir müssen alles offen lassen, gerade als Mönch, der ja ein Gottsucher ist. So wird unsere Lebensform beschrieben. Wenn es stimmt, dass die Ewigkeit ein Mahl ist, wo es erlesene Speisen und Getränke gibt, weil Jesus sagt: Ich werde erst wieder von der Frucht des Weinstocks trinken, wenn ich im Reich meines Vaters bin, dann wäre das ein Schriftbeweis dafür, dass es im Himmel Wein zu trinken gibt.

Das wäre nicht das Allerschlechteste.
Abt Johannes:
Nein, das wäre überhaupt nicht schlecht. Und so verstanden, würde ich sagen, der liebe Gott ist bestimmt der größte Koch von allen, wenn er uns an seine Tafel lädt.

Michael Käfer, 59, eröffnete nach seinem BWL-Studium die Nobeldiskothek P1 in München. 1988 trat er in die Geschäftsleitung von Feinkost Käfer ein. 1995 kaufte er die Anteile von seinem Vater und seinem Onkel und übernahm das Unternehmen – inklusive Feinkosthandel, Party-Service und der Wiesn-Schänke auf dem Oktoberfest. Heute betreibt Käfer darüber hinaus mehrere Münchner Gastronomiebetriebe, ist Europas Marktführer im hochwertigen Eventcatering, unter anderem für die Messe München, und führt auch das Dachterrassen-Restaurant im Deutschen Bundestag in Berlin.
(Foto: Robert Brembeck)

Abt Johannes Eckert, 48, steht seit 2003 der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München vor und damit auch dem Kloster Andechs. Mit seiner Arbeit zum Thema „Dienen statt Herrschen. Unternehmenskultur und Ordensspiritualität“ wurde er 1999 zum Doktor der katholischen Theologie promoviert. Johannes ist der erste Andechser Mönch seit der Säkularisation 1803, der zum Abt gewählt wurde. Im Februar 2015 wurde er in diesem Amt für weitere zwölf Jahre bestätigt. Sein Wahlspruch als Abt lautet: „Diligere ex toto corde“ – Aus ganzem Herzen lieben.
(Foto: Robert Brembeck)